13.03.2018

«Unser klassisches Geschäftsmodell ist bedroht.»

Kurt Fuchs, Leiter Finanzen und stellvertretender Vorsitzender der Geschäftsleitung von PostFinance, erklärt, weshalb PostFinance speziell unter dem Negativzinsumfeld leidet und was das Finanzinstitut dagegen unternimmt.

Kurt Fuchs, das Zinsdifferenzgeschäft war bisher der wichtigste Ertragspfeiler von PostFinance. Ist es das immer noch?

Ja, wir erwirtschaften derzeit noch immer mehr als die Hälfte unserer Erträge im Zinsdifferenzgeschäft. Die anhaltende Tiefzinsphase belastet das Zinsergebnis jedoch zunehmend und lässt die Zinsmargen sukzessive erodieren.

Wieso setzt das Negativzinsumfeld PostFinance noch stärker zu als anderen Finanzinstituten?

PostFinance hat zwar seit 2013 eine Banklizenz, darf aber wegen des im Postorganisationsgesetz festgeschriebenen Kreditverbots selbstständig keine Kredite und Hypotheken vergeben. Im aktuellen Marktumfeld mit tiefen oder sogar negativen Zinsen ist das ein gewichtiger Wettbewerbsnachteil: Wir müssen unsere Kundengelder zu historisch tiefen Zinsen an den Kapitalmärkten im In- und Ausland investieren und erzielen damit praktisch keine Rendite mehr.

Trotzdem erwirtschaftet PostFinance im Zinsgeschäft noch Gewinne. Wie kommt das?

Wir haben 2017 einen Zinserfolg vor Wertberichtigungen von 887 Millionen Franken erzielt. Das sind 77 Millionen Franken weniger als im Vorjahr. Zum Vergleich: 2013 haben wir im Zinsgeschäft noch einen Überschuss von 1019 Millionen Franken erzielt. Der Zinsenerfolg ist also innert 5 Jahren um 132 Millionen Franken oder um 13 Prozent geschrumpft. Und eine Trendwende ist nicht in Sicht.

Gelingt es PostFinance heute noch, ihre Kundengelder gewinnbringend anzulegen?

Ja, aber es wird zunehmend schwieriger, sichere und einigermassen rentable Anlagemöglichkeiten zu finden. Deshalb haben wir einen Teil unserer Kundengelder bei der Schweizerischen Nationalbank parkiert. So könnten wir rasch auf allfällige Marktveränderungen reagieren.

Seit der Finanzkrise sind die Kundengelder bei PostFinance stark angestiegen. Welchen Einfluss hat das auf die Zinsmarge von PostFinance?

Die Kundengelder haben sich während der Finanzkrise annähernd verdoppelt und nahmen auch danach weiter zu. Heute verwalten wir 110 Milliarden Franken an Kundengeldern. Zum Vergleich: 2007 waren es 44 Milliarden Franken. Die Zinsmarge hat sich seither von 1,54 Prozent auf aktuell 0,81 Prozent beinahe halbiert.

Wie ist es PostFinance in der Vergangenheit gelungen, den Rückgang im Zinserfolg aufzufangen?

Wir haben in den vorangehenden Jahren parallel zum sinkenden Zinsertrag auch den Zinsaufwand reduziert. Dadurch konnten wir den negativen Trend zumindest abfedern. Dieser Spielraum ist nun ausgereizt, denn aktuell bezahlen wir unseren Kundinnen und Kunden kaum noch Zinsen auf ihren Kontoguthaben. Der Zinsertrag dagegen wird weiter erodieren, weil in unserem Anlageportfolio laufend Anleihen mit einer verhältnismässig hohen Verzinsung auslaufen und durch Papiere mit einer deutlich niedrigeren Rendite ersetzt werden müssen. Dadurch sinkt unser Zinsertrag im aktuellen Marktumfeld jährlich um rund 100 Millionen Franken. Das bereitet mir Sorgen, denn wir können diesen Rückgang kurzfristig nicht kompensieren.

Was macht PostFinance in dieser Situation?

Unser klassisches Geschäftsmodell ist bedroht. Wir diversifizieren deshalb unsere Ertragsstruktur, indem wir neue, zinsunabhängige Ertragsquellen erschliessen. Unmittelbares Potenzial sehen wir im Anlagegeschäft, wo wir im abgelaufenen Geschäftsjahr bereits ein sehr erfreuliches Wachstum erzielen konnten. Langfristig wollen wir auch neue Ertragsquellen aus innovativen digitalen Geschäftsmodellen erschliessen.