15.09.2015

Konjunktur­prognosen: Hokuspokus oder Wissenschaft?

Gut ein Dutzend Organisationen, Institute und Banken geben regelmässig Prognosen zur Schweizer Konjunkturentwicklung ab. Unbestritten ist, dass alle nach wissenschaftlichen Kriterien arbeiten. Kritik gibt es trotzdem.


Sie berufen sich für ihre Langzeitprognosen auf den Beinumfang von Waldameisen, das Verhalten von Feldmäusen und den Geschmack von Sägemehl: die Muotathaler Wetterschmöcker. Doch jeder weiss: Die Hobbymeteorologen bieten mehr folkloristisches Spektakel denn seriöse Wissenschaft. Allzu oft weichen ihre Vorhersagen vom tatsächlichen Wetter ab.

Das Image von Ökonomen, die den Konjunkturverlauf auf einen ähnlich langen Zeitraum wie die Wetterschmöcker vorhersagen, ist gleichwohl nicht viel besser. Mit ihren Prognosen lägen sie ähnlich daneben wie die schrulligen Muotathaler, meinen Kritiker.

Gebhard Kirchgässner, Professor an der Universität St. Gallen, ist anderer Meinung. Er hat die Qualität der BIP-Prognosen für Deutschland erforscht, beobachtet seit Jahren die Schweizer Vorhersagen und hat keine schwarzen Schafe ausgemacht: «Wissenschaftlich korrekt», lautet sein Fazit.

600 Parameter im Dienste der Genauigkeit

Konjunkturprognosen für die Schweiz erstellen der Bund und die Nationalbank, spezialisierte Institute wie die KOF Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich, BAK Basel Economics und Créa, verschiedene Banken, internationale Organisationen (IWF, OECD) sowie Ratingfirmen wie Standard & Poor's.

Sie kommen mit höchst unterschiedlichen Methoden zu ihren Vorhersagen. Breit abgestützt ist zum Beispiel jene der Expertengruppe des Bundes, wie Eric Scheidegger, Leiter der Direktion für Wirtschaftspolitik im Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco), erläutert: «Involviert sind verschiedene öffentliche Institutionen, von der Finanzverwaltung und Zollverwaltung, über die Nationalbank bis zum Bundesamt für Statistik.»

Als Grundlage dient laut Scheidegger die jüngste Entwicklung der relevanten BIP-Komponenten. Diese wird im Rahmen der Quartalsschätzung, die auf über 600 Zeitreihen basiert, veröffentlicht. Ausserdem würden volkswirtschaftliche Indikatoren, etwa regelmässig durchgeführte Umfragen unter Wirtschaftsführern, sowie internationale Prognosen systematisch ausgewertet. Darauf aufbauend werde die Konjunkturprognose jedes Quartal überprüft und neu erstellt.

Das Basler BAK setzt stärker auf sogenannte makroökonomische Strukturmodelle und damit auf die Hilfe einer spezialisierten Software. «Allein bezogen auf die Schweiz füttern wir den Computer mit Daten für über 600 volkswirtschaftliche Parameter», sagt der für die Prognose zuständige Alexis Körber. Das Schweizer Ländermodell ist in ein Weltmodell integriert, das zusammen mit dem britischen Prognoseinstitut Oxford Economics betrieben wird. Dieses Weltmodell enthält laut Körber rund 50 detaillierte Ländermodelle. «Der Vorteil ist die internationale Einbettung, so fliessen die Prognosen aus allen Ländern automatisch in unsere Schweizprognose ein», so Körber.

Simpel muss nicht schlecht sein

Längst nicht alle Prognostiker verwenden allerdings solch komplexe Modelle. Laut Insidern «spielen» andere bloss mit vier bis fünf Zeitreihen. Banken würden zum Beispiel mit sogenannten vektorautoregressiven Modellen arbeiten. Laut Gebhard Kirchgässner von der Universität St. Gallen führen solch einfachere Modelle nicht zwingend zu schlechteren Ergebnissen. «Vorhersagen, die auf wenigen Variablen basieren, schnitten in einer Studie sogar besser ab als hochkomplexe mit Hunderten von Variablen», sagt er.

Ausserdem ist es in der Branche ein offenes Geheimnis, dass niemand nur auf die nackten Zahlen setzt. «Subjektive Einschätzungen spielen ebenfalls eine Rolle», so Kirchgässner. Dies sei auch richtig so: «Aktuelle Entwicklungen können in den Modellen nur ungenügend berücksichtigt werden.» Andere sprechen von einem «Bauchgefühl», das in die Vorhersagen einfliesse.

Eine Studie, die in der Publikation «Konjunkturtendenzen» des Seco publiziert wurde, bescheinigt den Schweizer Instituten seriöse Arbeit: «Signifikante Unterschiede» zur Prognosequalität liessen sich keine feststellen, hiess es da.

Für das laufende Jahr reichen die Vorhersagen für das Wirtschaftswachstum in der Schweiz von +0,4% bis knapp 1%. Doch kann man dies für bare Münze nehmen? Alexis Körber von BAK Basel und Eric Scheidegger vom Seco sind mit der Treffgenauigkeit zufrieden. «Und aus Fehlern versuchen wir zu lernen», betont Körber. So habe BAK Basel zum Beispiel in der Finanzmarktkrise relevante Parameter zu wenig gewichtet, dies aber mittlerweile mit einer stärken Betonung von Finanzmarktvariablen zu korrigieren versucht.

Körber vom BAK und Scheidegger vom Seco betonen beide auch die Grenzen von Prognosen. Volkswirtschaftliche Erdbeben wie die Aufhebung des Euro-Mindestkurses liessen sich nicht vorhersagen. «Und alles, was über einen Zeitraum von fünf Quartalen hinausgeht, bietet wenig Mehrwert», so Scheidegger.

Felix Brill, CEO des Beratungsunternehmens Wellershoff & Partner, kommt gleichwohl zu einem vernichtenden Schluss: «Man sollte sein Handeln möglichst wenig auf solche Prognosen ausrichten.» Denn die Treffgenauigkeit der BIP-Prognosen sei schlicht und einfach zu gering. «Laut einer US-Studie lagen die dortigen Institute selbst mit ihren im Dezember erstellten Vorhersagen für das laufende Jahr in der Regel um 0,5 Prozentpunkte daneben.»

Laut Brill wäre es gescheiter, die aktuellen Daten auf konjunkturelle Wendepunkte hin zu durchforsten. Und für längerfristige Aussagen setze man besser auf Prognosen zum Trendwachstum, also zum Wachstumspotenzial einer Volkswirtschaft. Diese Prognosen seien verlässlicher, weil viele Variablen bekannt seien: «Wir wissen dank der Geburtenzahl ziemlich genau, wie viele Leute in zehn Jahren im arbeitsfähigen Alter sind», so Brill.

Kritik an den punktgenauen Prognosen äussert auch Kirchgässner. Er fände es gut, wenn Schwankungsbreiten angegeben würden. Dazu ist die Nationalbank übergegangen, die aktuell das BIP-Wachstum für das laufende Jahr auf knapp 1% schätzt.

Für die Auguren haben aber auch Punktprognosen ihre Berechtigung: «Die Steuerverwaltung braucht zum Beispiel eine exakte Zahl, um darauf aufbauend das Budget und den Finanzplan erstellen zu können», so Scheidegger vom Seco.

Er und Körber von BAK Basel empfehlen aber, auch die Erläuterungen zu den Prognosen zu beachten, in denen auf Risiken hingewiesen werde. «Ein Grexit war beim Grundszenario unserer letzten Prognose nicht einkalkuliert, wir wiesen aber auf die Unwägbarkeiten eines solchen hin», so Scheidegger. Das BAK Basel berechnet laut Körber stets auch Alternativszenarien.

So viel Mühe machen sich die Wetterschmöcker nicht. Entsprechend plump sind ihre «Ausreden». Auf eine Fehlprognose angesprochen, meinte einer einmal: «Petrus ist auch nicht mehr der Jüngste.»