15.09.2015

«Europa bleibt noch lange unser wichtigster Handelspartner»

Die Schweiz als sicherer Hafen – Jan-Egbert Sturm, Leiter der KOF Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich, hofft, dass dies auch in Zukunft noch gilt. Allerdings wird es für die Unternehmen mit dem starken Franken nicht einfach, und allein der private Konsum kann die Wirtschaft nicht stützen. Dennoch erwartet der Ökonom für 2016 ein BIP-Wachstum von 1,3%.

Herr Sturm, oft wird die Schweiz als sichere Insel innerhalb Europas bezeichnet. Gilt das auch in Zukunft?

Wir hoffen es. Die Schweiz ist weiterhin eine Konsensgesellschaft, was im Allgemeinen eine hohe Stabilität ihrer Institutionen bedeutet. Die damit einhergehende Planungssicherheit für Investoren und Unternehmer bleibt dadurch im Vergleich zum Ausland hoch, auch wenn sie infolge der Masseneinwanderungsinitiative und der starken Wechselkursschwankungen nachgelassen hat.

Welche Faktoren beeinflussen unser Wirtschaftswachstum besonders?

Als kleine offene Volkswirtschaft sind das in erster Linie die wirtschaftlich relevanten Entwicklungen im Ausland. Wir können uns nicht auf Dauer von der europäischen und weltweiten Konjunktur entkoppeln. Allerdings helfen gute und stabile inländische Rahmenbedingungen. Sie erlauben es, dass das Potenzial der Schweiz sich auch entfalten kann.

Wie wichtig ist der private Konsum?

Der private Konsum ist seit Jahren ein stabilisierender Faktor für die Schweizer Wirtschaftsentwicklung. Er ist die grösste Nachfragekomponente und hat von einer florierenden Arbeitsmarktentwicklung profitiert. Allerdings werden viele Konsumgüter im Ausland hergestellt. Als Gegenleistung müssen wir selber genügend für das Ausland produzieren. So wie immer in der Wirtschaft müssen Angebot und Nachfrage letztendlich Hand in Hand gehen. Allein auf eine robuste Entwicklung des Privatkonsums zu setzen, reicht nicht aus.

Was sind Ihre genauen BIP-Prognosen für 2015 und 2016?

Unsere Juni-Prognose sieht Wachstumsraten für das Schweizer BIP von 0,4 und 1,3% für das laufende und das nächste Jahr voraus. Dabei gehen wir davon aus, dass sich der Schweizer Franken bei zirka 1,04 Euro halten wird, sich die Erholung der europäischen Konjunktur fortsetzt und sich die wirtschaftspolitische Situation im In- und Ausland nicht wesentlich ändert.

Ist das nicht etwas zu optimistisch? Manchmal kommt es doch anders, als man denkt…

Sobald man an diesen Annahmen etwas verändert, können sich auch die Prognosen massiv ändern. Es fällt einem leider nicht allzu schwer, ein recht düsteres Alternativszenario auszumalen. Allerdings muss man aufpassen, nicht zu schnell zu negativ zu werden.

Wie schlimm ist der starke Franken wirklich?

Die Produzenten, die ihre Waren hauptsächlich auf dem europäischen Markt verkaufen und dort nicht einfach die Preise in Euro nach oben anpassen können, haben es natürlich schwer. Sie können erst mal zwischen Margeneinbussen und/oder Nachfrageausfall wählen und dann lediglich über deutliche Kostensenkungen versuchen, dies zu verhindern.

Wer ist besonders betroffen? Und ist die Entwicklung nur negativ?

Klare Beispiele findet man in der Maschinenindustrie und auch im Tourismusgewerbe. Allerdings gibt es – wie immer – auch Gewinner. Für uns Konsumenten bedeuten die reduzierten Preise der Auslandsgüter einen effektiven Einkommensanstieg. Auch Firmen, die Zwischenprodukte aus dem Euroraum beziehen und ihre Endprodukte in der Schweiz oder ausserhalb des Euroraums verkaufen, können sich nicht beklagen.

Wo sehen sie den Euro-Franken-Kurs mittelfristig, und welche Optionen bleiben der SNB?

So lange die Geldpolitik im Euroraum weiterhin so expansiv ausgerichtet ist und die Bereitschaft der Schweizer Investoren, im Ausland ihr Geld anzulegen, so gering bleibt, werden wir keine wesentliche Abwertung des Frankens erwarten können. Die Schweizer Exportfirmen werden sich darauf einstellen, was wiederum die Notwendigkeit einer mittelfristigen Abwertung schmälert. Statt dass der Wechselkurs sich an die Schweizer Wirtschaft anpasst, befürchte ich, dass es andersherum sein wird. Angesichts der vergangenen SNB-Entscheide sehe ich – ähnlich der SNB – nicht, wie man jetzt etwas gegen den starken Franken tun kann, ohne durch grössere weitere externe Schocks dazu gezwungen zu werden.

Können sich die Unternehmen denn dauerhaft an die Frankenstärke anpassen und wenn ja, wie?

Die betroffenen Firmen werden dazu gezwungen, die Kosten zu senken oder neue Mehrwerte (ohne Mehrkosten) zu schaffen. Produktionsverlagerungen, längere Arbeitszeiten, Rationalisierungsinvestitionen und dergleichen stehen an oder werden bereits umgesetzt. Die, die sich nicht genügend anpassen können, werden ausscheiden müssen. Wir werden eine verstärkte Deindustrialisierung durchmachen, und auch der Schweizer Tourismus wird zumindest im Vergleich zum Ausland an Gewicht einbüssen.

Sollte sich die Schweiz mit einem Europa in der Krise nicht verstärkt nach anderen Handelspartnern umsehen?

Auch wenn die technologischen und politischen Entwicklungen den globalen Markt immer weiter geöffnet haben, machen die geografischen Bedingungen das restliche Europa zu unserem natürlichen Handelspartner. Schon mindestens seit dem Schweizer EWR-Entscheid Anfang der neunziger Jahre versucht die Schweizer Wirtschaft immer mehr und stärkere Standbeine ausserhalb Europas aufzubauen. Das gelingt ihr auch, allerdings sind dies langwierige Prozesse. Europa wird noch lange Zeit unser wichtigster Handelspartner bleiben, deshalb sollte man auch immer auf eine günstige Entwicklung in Europa hoffen und – falls möglich – dazu beitragen.

Infos zur Person

Jan-Egbert Sturm ist Professor für Angewandte Makroökonomie. Seit zehn Jahren leitet der gebürtige Holländer die KOF Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich. Hauptaufgabe des 1938 gegründeten Instituts ist die empirische und theoretische Analyse der Schweizer Konjunktur. Es beschäftigt rund 60 Mitarbeitende. Sturm ist Buchautor und verfasst regelmässig Artikel für Sammelbände und internationale Publikationen wie «Economics & Politics», «European Economic Review», «Journal of Development Economics» usw.