13.10.2017

Goldgräberstimmung im Crypto Valley

Die Blockchain mischt die Wirtschaftswelt auf. Die Schweiz nimmt bei der Weiterentwicklung der revolutionären Technologie eine Vorreiterrolle ein. Zahlreiche Start-ups – viele mit Sitz im Kanton Zug – treiben die Innovation voran.

Das Silicon Valley erhält Konkurrenz aus der Schweiz. Im Crypto Valley, das sich vom Zuger Seebecken bis nach Zürich erstreckt, bündeln sich die Innovationen der Schweizer FinTech-Branche. Mit cleverem Standortmarketing setzt die Stadt Zug alles daran, sich als Dreh- und Angelpunkt von Kryptowährungen wie Bitcoin und der damit verbundenen Blockchain-Technologie zu etablieren. Seit Juli 2016 akzeptiert die Stadt Bitcoin als Zahlungsmittel für Dienstleistungen der Einwohnerkontrolle. Und seit September 2017 bietet Zug als weltweit erste Gemeinde ihren Bürgern die Möglichkeit, eine digitale Identität zu erhalten. Bereits im Frühling 2018 sollen erste E-Votings stattfinden.

Möglich macht dies eine App, die auf der Blockchain-Technologie basiert. An der Entwicklung beteiligt waren neben der Hochschule Luzern die Startups Consensys-uPort aus Zug und ti&m aus Zürich. Die zwei Jungunternehmen gehören zu einem Konglomerat von über 20 Start-ups, die im Crypto Valley an neuen Anwendungsmöglichkeiten der Blockchain-Technologie tüfteln. Die beiden Start-ups haben der Stadt Zug die App unentgeltlich zur Verfügung gestellt, um Vorbehalte gegenüber der Blockchain abzubauen. Denn was gibt es Vertrauenswürdigeres als eine Schweizer Behörde, um Bedenken bezüglich der Sicherheit einer neuen Technologie aus der Welt zu schaffen?

Mittelsmänner werden überflüssig

Die öffentliche Verwaltung ist dabei nur einer von vielen Bereichen, in denen die Blockchain neue Möglichkeiten eröffnet. Insbesondere die Finanz- und die Versicherungsbranche stehen vor tiefschürfenden Umwälzungen. «Die Technologie wird einen Paradigmenwechsel in der Wirtschaft herbeiführen», sagt Mathias Bucher, der die App für die Stadt Zug mitentwickelt hat. Das Revolutionäre an der Blockchain: Menschen können direkt miteinander Verträge abschliessen und Geschäfte machen, ohne einen Umweg über Mittelsmänner gehen zu müssen – beispielsweise die Bank, die eine Überweisung überprüft, oder den Notar, der einen Grundbucheintrag beglaubigt.

«Die Blockchain wird einen Paradigmenwechsel in der Wirtschaft herbeiführen.»

Als Dozent und Jungunternehmer kennt Mathias Bucher Theorie und Praxis der Blockchain. Neben seiner Tätigkeit am Institut für Finanzdienstleistungen Zug (IFZ) der Hochschule Luzern hat er die Start-ups Blockchain-Innovation.com und Diamond Digital gegründet. Bucher hat mit seinem Team eine digitale Währung auf Basis der Blockchain-Technologie entwickelt, bei der Diamanten als Sicherheit hinterlegt werden. Der DiamondCoin basiert auf der Technologie von Ethereum, jener Firma, die mit Ether die zweitgrösste Kryptowärung nach Bitcoin ins Leben gerufen hat. Auch sie hat ihren Sitz im Crypto Valley.

Der Boom von Kryptowährungen unterstreicht es – für Jungunternehmen im Blockchain-Bereich herrschen goldene Zeiten. Die Schweiz bringt wichtige Voraussetzungen mit, um von der Goldgräberstimmung profitieren zu können: Ein Netzwerk aus innovativen Startups und renommierten Hochschulen, die zur Blockchain forschen. «Die Schweiz ist beim Thema Blockchain schon weit und hat die Chance, weltweit führend zu werden», sagt Daniel Gasteiger, Mitgründer von Nexussquared. Der Ex-UBS-Mitarbeiter möchte mit seinem Startup diese Entwicklung beschleunigen, indem er andere Blockchain-Jungunternehmen berät und vernetzt.

Wie funktioniert die Blockchain?

Die Blockchain ist eine dezentrale Datenbank, die sich kaum manipulieren lässt. Denn das Protokoll, das sämtliche Transaktionen zwischen den Teilnehmern festhält, liegt nicht auf einem zentralen Server, sondern ist auf unzähligen Computern verteilt. Dafür werden Daten in Blöcke gegliedert, von den Teilnehmern validiert, mittels Kryptographie versiegelt und als unveränderbare Transaktionskette im Netzwerk verteilt. Keine Behörde, kein Unternehmen und keine Person hat Macht über die Blockchain. Jeder Teilnehmer hat die gleichen Zugriffsrechte und Möglichkeiten.

Smarte Lösungen und mehr Effizienz

Neben digitalen Transaktionen ermöglicht die Blockchain auch sogenannte Smart Contracts. Solche intelligenten Verträge sind zum Beispiel beim Leasing denkbar: Das geleaste Auto lässt sich nur starten, wenn der Leasingnehmer die Rate auch bezahlt hat. Ein weiteres Anwendungsfeld sind öffentliche Register wie das Grundbuch, da mittels Blockchain sämtliche Änderungen der Eigentumsverhältnisse nachvollzogen werden können. Die Technologie erhöht zudem auch die Fälschungssicherheit, da beispielsweise die Herkunft von Luxusgütern eindeutig identifiziert werden kann.

Noch steckt die Blockchain allerdings in den Kinderschuhen. Nach wie vor gilt es zahlreiche Herausforderungen zu bewältigen: «Unter anderem muss ein weniger energieintensiver Absicherungsmechanismus gefunden werden», sagt Mathias Bucher. «Heute braucht dieser Mechanismus noch sehr viel Rechenleistung.» Auch die Sicherheit der Smart Contracts und den Schutz der Privatsphäre gelte es zu verbessern.

Viele dieser Probleme lassen sich leichter lösen, wenn statt einer öffentlichen eine private Blockchain verwendet wird, da eine beschränkte Zahl von Teilnehmern das Ganze vereinfacht. So könnte ein Unternehmen mit seinen Zulieferern und Abnehmern ein Netzwerk bilden, auf das Aussenstehende keinen Zugriff haben. Grossunternehmen treiben solche Anwendungen voran, da sie ihr Bedürfnis nach Prozessoptimierung erfüllen können. Die Blockchain senkt die Kosten bei der Infrastruktur und treibt die Automatisierung in den Betrieben weiter voran. In einem ersten Schritt wird sich die Blockchain daher auf Unternehmensebene durchsetzen. Langfristig, so prophezeien Experten, wird die Blockchain die Gesellschaft so grundlegend verändern wie es das Internet in den letzten zwei Jahrzehnten getan hat.