13.03.2018

Die Wirtschaft von morgen

Die Digitalisierung steht erst ganz am Anfang. Welche Veränderungen kommen morgen auf uns zu? Economiesuisse gibt einen Ausblick auf die digitalisierte Wirtschaft der Zukunft.

Es war eine Revolution: 1991 präsentierte Kodak die erste kommerzielle Digitalkamera. Wer hätte damals gedacht, dass der US-Fotogigant 21 Jahre später Insolvenz anmelden muss, geschlagen von der eigenen Erfindung, der Digitalkamera?
Neue Erfindungen sorgten in der Wirtschaftsgeschichte immer wieder für Umwälzungen: Der Pflug revolutionierte die Landwirtschaft, die Dampfmaschine setzte die Industrialisierung in Gang. Neu im digitalen Zeitalter ist das Tempo der Veränderung. Hatte das Radio erst Jahrzehnte nach seiner Erfindung ein Millionenpublikum gefunden, brauchten Facebook und Twitter dafür weniger als ein Jahr.
Die Studie «Zukunft digitale Schweiz» des Wirtschaftsdachverbands economiesuisse skizziert, wie die Digitalisierung die Welt von morgen prägt. «Nicht nur die Wirtschaft, auch die Gesellschaft muss sich auf dieses Thema einlassen», sagt Kurt Lanz, Mitglied der Geschäftsleitung bei economiesuisse. Die Studie identifiziert vier Hauptfelder einer digitalisierten Wirtschaft: Vernetzung, Automatisierung, Virtualisierung und Realisierung.

Vernetzung – Algorithmen an der Macht

Das Internet überzieht die Welt mit einem immer engmaschigeren Netz. Dies ermöglicht einerseits den Austausch zwischen Unternehmen, Lieferanten und Kunden in Echtzeit. Andererseits schmilzt der Informationsvorsprung mancher Unternehmen gegenüber ihren Kunden dahin. So müssen sich einige Dienstleister in der digitalisierten Ökonomie neu erfinden. Der Schweizer Reisegigant Kuoni etwa verabschiedete sich 2015 aus dem klassischen Reisegeschäft und konzentriert sich mittlerweile nur noch auf Visa-Abwicklungen.
Parallel dazu wächst eine Branche heran, deren Geschäftsmodell ausschliesslich aus der Vernetzung bestehender Güter gründet: die «Sharing Economy». Die Vermietungsplattform Airbnb ist schon seit 2015 grösser als der Hotelgigant Marriott, ohne selbst ein Hotel zu besitzen.

Automatisierung – es kann jeden treffen

Roboter werden immer intelligenter. Führten sie früher lediglich vorprogrammierte Fertigungsschritte aus, lernen sie in der Industrie 4.0, miteinander zu kommunizieren. Gleichzeitig erobern virtuelle Roboter unseren Alltag: Internet-Bots empfangen uns als digitale Concierges auf Websites und helfen zum Beispiel, Flüge zu buchen. Und die Automatisierung prägt zunehmend auch den Verkehr. Die Schweizerische Post testet derzeit den automatischen Drohnentransport von Laborproben mit zwei Tessiner Kliniken.
Ersetzten frühere Automatisierungswellen vor allem schlecht ausgebildete Arbeitskräfte, sind in Zukunft laut economiesuisse alle Einkommensschichten betroffen. Algorithmen und künstliche Intelligenz können Mechaniker wie Buchhalter konkurrenzieren. Selbst Ärzte werden Aufgaben abgeben müssen: Hochleistungssoftware stellt innerhalb eines eng definierten Krankheitsbilds bereits heute zuverlässigere Diagnosen als Mediziner.
Ob die Automatisierung ein Job-Killer ist, bleibt umstritten. Einer britischen Untersuchung zufolge könnten bis zu 50% der heutigen Arbeitsplätze wegfallen. Eine OECD-Studie kommt hingegen nur auf 9%. Economiesuisse gibt sich ebenfalls relativ optimistisch und sieht Parallelen zu Umwälzungen in der Vergangenheit: Zwar wurde im 20. Jahrhundert Arbeit in der Landwirtschaft durch Mechanisierung dezimiert, in der Textilindustrie durch Abwanderung und in Büros durch Computerisierung. Gleichzeitig entstanden aber auch viele neue Jobs.

Virtualisieren – die Brille in eine andere Welt

Hochleistungsprozessoren und Spezialbrillen ermöglichen Virtual Reality: die Konstruktion komplett künstlicher Umgebungen. Die Technologie hat das Potenzial, das Marketing zu revolutionieren. Beispielsweise können die Kunden der Tourismusindustrie künftig eine Destination virtuell erkunden, bevor sie ihre Reise buchen. Ebenso wird es in der Immobilienbranche möglich, Bauobjekte zu besichtigen, bevor sie überhaupt fertiggestellt sind.
Einen Vorgeschmack auf Virtual Reality gibt Augmented Reality: Sie reichert die Realität mit digitalen Informationen an. Jedes moderne Smartphone verfügt heute über die entsprechende Technologie. Das Potenzial solcher Anwendungen zeigte sich 2016, als das Augmented-Reality-Game «Pokémon Go» innert drei Monaten 600 Millionen US-Dollar in die Kasse von Nintendo spülte. Bald dürften sich auch ernsthaftere Anwendungen durchsetzen.

Realisieren – jeder kann ein Industrieller sein

Das Internet erfüllt im Grunde genommen eine marxistische Forderung: Die Demokratisierung der Produktionsmittel. Nie war es einfacher, eigene Geschäftsideen umzusetzen. Mit der Verbreitung von 3D-Druckern verliert die Industrie ihr Monopol auf Produktion. Schon heute produzieren kleine Anbieter Teile für die Autoproduktion oder den Hausbau mit 3D-Druckern. Auch der Industrieriese Siemens will in Zukunft Netzwerke von 3D-Druckern nutzen, um etwa Ersatzteile für Turbinen nicht mehr zentral und auf Vorrat zu produzieren, sondern in lokalen Niederlassungen und auf Bestellung.
Die Herausforderung dieser dezentralisierten Produktion liegt gemäss economiesuisse darin, Qualitätsstandards zu sichern. Gleichzeitig warnt der Verband vor Regulierungseile. «Die Politik sollte nicht voreilig auf die Digitalisierung reagieren, ohne zu wissen, was die Zukunft überhaupt bringt», sagt Kurt Lanz. Wenn die Schweiz an ihren Grundsätzen wie Liberalismus und Offenheit festhalte, könne sie die Digitalisierung meistern. An einer Tugend muss die Schweiz aber vielleicht kratzen, ergänzt Lanz: der Bescheidenheit. «Im digitalen Zeitalter peilt man potenziell Milliardenmärkte an, und im Kampf um Aufmerksamkeit muss man laut sein». Mehr Selbstvertrauen täte da gut.

Unternehmen müssen sich neu erfinden

Lautstärke und Selbstvertrauen werden jedoch nicht reichen. Was aber soll ein Unternehmen tun, damit es nicht wie Kodak endet? «Unternehmen müssen bereit sein, sich schneller neu zu erfinden als früher», sagt Kurt Lanz. «Der technologische Wandel kann so schnell sein, dass man vom einen Tag auf den anderen sein Flagship-Produkt vergessen und etwas Neues erfinden muss.»
Die Berater von Deloitte raten Unternehmen in ihrer Studie zur digitalen Zukunftsfähigkeit der Wirtschaft, sich zu flexibilisieren, um schnell auf Entwicklungen reagieren zu können. Unter anderem mit diesen Massnahmen:

  • Neue Produkte in enger Zusammenarbeit mit Kunden und Lieferanten entwickeln

  • Talente fördern und flexible Arbeitsmodelle ermöglichen

  • Organisatorische «Silos» aufbrechen, indem projektbezogene und interdisziplinäre Gruppen gebildet werden

  • Am Rand der Geschäftstätigkeit kleine Teams aufstellen, um innovative Modelle zu testen und sie bei Erfolg auf das ganze Unternehmen anzuwenden

Genau dies tat der japanische Konzern Fujifilm, als in den Nullerjahren sein Kerngeschäft, der Verkauf von analogem Fotomaterial, wegbrach. Im Gegensatz zu seinem US-Konkurrenten Kodak verwandelte sich Fujifilm in einem Jahrzehnt in ein diversifiziertes Unternehmen, das nicht nur Digitalkameras, sondern auch Bilderfassungsprogramme für den Medizinsektor und eine eigens für Fotoshootings entwickelte Skincare-Linie produziert.

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Economiesuisse-Studie
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