13.04.2017

WCM trotz Negativzinsen – ein Paradoxon?

Reaktionen zur Vermeidung von Negativzinsen entsprechen häufig dem Gegenteil klassischer Massnahmen im Working Capital Management (WCM). Verliert damit das WCM in der Niedrigzinsphase an Bedeutung? Oder wird das Thema sogar überflüssig?

WCM scheint im momentanen Zinsumfeld ein Paradoxon zu sein, wird doch die freigesetzte Liquidität bei Überschreitung einer Freigrenze mit Negativzinsen belegt. Eine schlichte Verteilung der liquiden Mittel auf unterschiedliche Banken reicht mittlerweile für viele Unternehmen nicht mehr aus, um Negativzinsen zu vermeiden. So bezahlen einige ihre Lieferanten schneller und geben gleichzeitig ihren Kunden mehr Zeit zur Begleichung der Rechnungen. Dies entspricht einer Umkehr der klassischen WCM-Massnahmen und führt zu einer höheren Kapitalbindungsdauer. Weitere Möglichkeiten zur Vermeidung von Negativzinsen wären beispielsweise die Vorauszahlung von Steuern, das Vorziehen geplanter Investitionen und die Aufhebung des Skontos. Zumindest teilweise gelten momentan also umgekehrte Vorzeichen im Kontext des WCM.

Bewertung zum internen Kapitalkostensatz erforderlich

Dies legitimiert aber keinesfalls eine Vernachlässigung des Themas. Denn das im Unternehmen gebundene Working Capital (= Nettoumlaufvermögen) untersteht eben nicht den Referenzzinssätzen der SNB (z.B. Libor), sondern ist mit dem internen Kapitalkostensatz zu bewerten. Dieser beträgt über den gewichteten Durchschnitt aus Fremdkapitalkosten und den Renditeerwartungen der Eigenkapitalgeber bei Schweizer Unternehmen nach wie vor häufig zwischen 5 und 7 Prozent. Des Weiteren ist zu berücksichtigen, dass eine forcierte Fremdfinanzierung durch den erhöhten Verschuldungsgrad zu einem gesteigerten Unternehmensrisiko führt. Schliesslich lohnt sich für stark wachsende Unternehmen mit entsprechend erhöhtem Liquiditätsbedarf eine Reduzierung des Working Capitals auch in der aktuellen Situation. Dies gilt ebenso für den Bereich der Bestände, in dem die operativen Lagerkosten pro Jahr häufig rund 30 Prozent des Bestandswerts und damit ein Vielfaches der Kosten möglicher Negativzinsen ausmachen.

Weiterhin bestehen im WCM nicht nur unternehmensinterne, sondern auch unternehmensübergreifende Potenziale. Um sie zu erschliessen, sind Waren-, Finanz- und Informationsflüsse mit Lieferanten und Kunden so zu koordinieren, dass eine gleichzeitige Optimierung von Liquidität, Kapitalbindung und Vorräten stattfinden kann. Dadurch werden Strafzinsen und Kapitalbindungskosten in Zeiten niedriger wie auch in Zeiten höherer Zinsen minimiert. Durch die Optimierung der Prozesse entlang der gesamten Wertschöpfungskette können zudem Kosten- und Qualitätsverbesserungen erreicht werden. Diese wirken sich wiederum – unabhängig vom Zinsumfeld – direkt auf den Betrieb aus.

Insgesamt verschiebt sich der Schwerpunkt im WCM aufgrund der aktuellen Zinssituation weg von Bilanzthemen hin zu Prozessthemen. Es geht neu auch wesentlich darum, Kreditoren-, Debitoren-, Bestands- und Liquiditätsprozesse innerhalb des Unternehmens und über die gesamte Supply Chain hinweg zu optimieren. So kann auch ein wesentlicher Beitrag geleistet werden, um die Wettbewerbsfähigkeit Schweizer Unternehmen aufrechtzuerhalten. Aber auch wenn sich der Fokus im WCM verändert hat, dürfen bilanzspezifische Themen keinesfalls vernachlässigt werden. Eine Zinswende, wie sie im Zuge der Diskussionen in den USA und des steigenden Frankenkurses wieder möglich scheint, kann Unternehmen mit schlechter Working-Capital-Performance vor Probleme stellen. Es empfiehlt sich deshalb, früh die eigene Situation zu reflektieren und Potenziale konsequent zu identifizieren und zu nutzen.