09.12.2016

«Digitalisierung bringt Schwung in den Schweizer Arbeitsmarkt»

Der Schweizer Arbeitsmarkt ist gut auf die voranschreitende Digitalisierung eingestellt, nicht zuletzt dank dem hervorragenden Angebot im Bereich der höheren Berufsbildung. Davon ist der renommierte Wirtschafts- und Bildungspolitiker Rudolf Strahm überzeugt.

Menschliche Arbeitskräfte werden in Zukunft von Robotern verdrängt, es droht massenhafte Arbeitslosigkeit. Machen Ihnen solche Horrorvisionen Angst?

Rudolf Strahm: Um die Schweiz mache ich mir in dieser Hinsicht keine grossen Sorgen. Die Umstellung auf die Industrie 4.0 ist hierzulande schon weit fortgeschritten. Rein repetitive Tätigkeiten, die zunehmend automatisiert werden können, bilden keinen tragenden Wirtschaftszweig mehr. Anders sieht es etwa in den USA oder in England aus, dort steht die Volkswirtschaft vor deutlich grösseren Herausforderungen.

Und doch werden Sie wohl kaum abstreiten, dass die Digitalisierung massive Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt hat – auch in der Schweiz.

Tatsächlich wachsen die Herausforderungen an die Arbeitnehmenden laufend. Aber wir sind mit unserem starken Berufsbildungssystem sehr gut aufgestellt. Das Curriculum einer Lehre wird alle fünf Jahre weiterentwickelt und den neuen Anforderungen angepasst. Die Ausbildungen sind durch die Nähe zur Praxis jeweils auf dem Stand der neusten Entwicklungen. Hinzu kommt, dass viele repetitive Tätigkeiten zwar nicht mehr von Menschen ausgeführt werden müssen, doch braucht es durchaus Fachkräfte, die automatisierte Prozesse programmieren und auswerten. Auch das Betreiben von Robotern und Automaten benötigt technische Skills für Installation, Wartung und Reparatur.

Können Sie das an einem Beispiel erläutern?

Schauen Sie sich all die medizinischen Berufe an: Um den Puls oder Blutdruck zu überwachen, braucht man im Spital heute keine Pflegefachfrau mehr. Aber man braucht hochqualifiziertes Personal, das aus komplexen Messresultaten die richtigen Schlüsse zieht. Zudem wächst der Druck, jeden Arbeitsschritt, etwa für die Abrechnung, mit den Krankenkassen zu dokumentieren. Dafür braucht das Personal mehr und mehr Zeit. Und schliesslich können Maschinen den Teil der Pflege nicht ersetzen, der spezifische Sorgfalt, Empathie und Kommunikation erfordert.

Was müssen Arbeitgeber tun, um sicherzustellen, dass sie auch in Zukunft qualifiziertes Personal finden?

Zum einen müssen sie weiterhin Einfluss auf die Ausgestaltung der Berufsbildung nehmen. Das passiert hauptsächlich über Berufsverbände, erfordert aber qualifizierte Rückmeldungen aus den Betrieben. Zum anderen müssen Arbeitgeber die Personalentwicklung in ihrem Betrieb aktiv gestalten. Wir haben in der Schweiz ein hervorragendes System der höheren Berufsbildung. Unternehmen müssen dafür sorgen, dass ihre Angestellten tatsächlich von den Möglichkeiten profitieren können, die dieses bietet.

Wie wichtig ist denn die höhere Berufsbildung, gerade auch mit Blick auf die wachsende Zahl der Universitäts- und Fachhochschulabgänger?

Zentral! Man darf nicht vergessen, dass in der Schweiz neben 28’500 Hochschulabgängern jährlich weitere 27’000 Personen eine höhere Berufsbildung abschliessen, also zum Beispiel eine eidgenössische Berufs- oder höhere Fachprüfung absolvieren oder eine höhere Fachschule HF erfolgreich verlassen. Im Unterschied zu den Hochschulabsolventen bringen diese Arbeitnehmenden auch viel praktische Intelligenz mit: Sie kennen sich bereits hervorragend in der Berufswelt aus, sie sind mit der Berufskultur in einer Konstruktionsfirma oder einer Bank bestens vertraut. Wer über die Berufslehre ins Arbeitsleben einsteigt, bringt eine höhere «Employability» (Arbeitsmarktfähigkeit, Anm. d. Red.) mit. Das ist unbestritten und schlägt sich beispielsweise in den Zahlen zur Erwerbstätigkeit ein Jahr nach dem Abschluss nieder.

Sehen Sie neben den Arbeitgebern auch andere Akteure in der Pflicht, angemessen auf die Herausforderungen der Digitalisierung zu reagieren?

Zum einen natürlich das Individuum. Jeder Einzelne muss sich bemühen, sein Wissen und Können à jour zu halten und entsprechende Weiterbildungen besuchen. Zum anderen muss von staatlicher Seite sichergestellt werden, dass gerade die höhere Berufsbildung genügend gefördert wird.

Zur Person

Rudolf H. Strahm absolvierte zunächst eine Laborantenlehre in der Basler Chemie, anschliessend studierte er an der Ingenieurschule Burgdorf Chemie. Nach einigen Jahren in der Praxis folgte das Studium der Volks- und Betriebswirtschaft an der Universität Bern. Für die SP war der profilierte Wirtschafts- und Bildungspolitiker 13 Jahre lang im Nationalrat. Breite Bekanntheit erlangte er nicht zuletzt auch während seiner vierjährigen Zeit als nationaler Preisüberwacher. Bis im vergangenen Jahr war er Präsident des Schweizerischen Verbands für Weiterbildung SVEB. Der gebürtige Emmentaler hat zahlreiche Bücher publiziert, zuletzt erschien 2014 «Die Akademisierungs-falle. Warum nicht alle an die Uni müssen». Das Buch analysiert die Ursachen der Jugendarbeitslosigkeit in Europa und die Fallstricke einer arbeitsmarktfernen akademischen Ausbildung.